Die Tour (1*hinauf)
Ich bin inzwischen wieder fast heil von meiner Kurz-Oster-Tour zurück. Nase verbrannt, Lippen aufgeplatzt
und zwei fette Blasen an den Füßen - naja - das übliche.
Das Wetter war ja nicht so besonders. Erst Dauerregen, dann Nebel und zu allem Überfluß noch einen halben Meter
Neuschnee. Von geplanten 4 Gipfeln (Zumsteinspitze, Signalkuppe, Parrotspitze und Ludwigshöhe) ist nur einer gefallen,
dafür aber einer der Höchsten der Alpen - die Signalkuppe. Oben drauf ist die nun höchste Hütte Europas
(die Prijut 11 am Elbrus wurde ja vor einiger Zeit abgefackelt). Für 2 Nächte war ich Ehrengast, denn niemand
machte sich die Mühe, mich zu besuchen. Dafür war's recht ruhig und erholsam und kalt. Wegen des Wetters auch nur
Fotos vom Rückweg, die aber für alles entschädigen.
Am Donnerstag (24.03.05) kam ich mit großer Verspätung in Alagna (Italien) an, da am Gotthard-Tunnel der
übliche Osterstau stand. Wie schon die letzten Male parkte ich kurz oberhalb von Alagna auf einem der letzten
gebührenfreien Parkplätze. Da es schon dunkel war, konnte ich mich im Auto gleich aufs Ohr hauen. Unliebsamen
Besuch erwartete ich wegen des Dauerregens nicht.
Am Freitagmorgen packte ich in aller Frühe meinen Rucksack, schnappte meine Ski und marschierte zur
Freeride-Seilbahnstation. Aber Pech gehabt, 8:00 Uhr hing noch keine einzige Gondel an der Strippe. Ich ahnte schlimmes.
Vereinzelt trotteten die Seilbahner heran, ließen mich jedoch bis zur Öffnung um 8:45 warten. Naja, weit hatte
ich es ja nicht, wenn ich erst mal oben bin. Und so kamen immer neue Osterausflügler hinzu und endlich kurz nach halb
neun öffnete die Kasse. Doch meine 20 Euro für die Bergfahrt wollte man gar nicht haben. Seilbahn kaputo - nix da
tuto! So gab's erst mal nur ein Ticket für das erste kleine Stückchen bis in 2000m. Dort war erst mal
Endstation.
Nun hieß es, Ruhe bewahren und abwarten, denn die Bahnbetreiber machten mir wahrscheinlich aus Mitleid wegen des
schweren Rucksacks Hoffnung.
Gegen 12 war die Seilbahn doch wieder fit für alle Osterausflügler und ich durfte als erster mit. Zwar hatte ich
kein Ticket bis zur Endstation, aber ein Schnipsel Papier vom Seilbahn-Juniorboss tat's dann auch.
Pünktlich 12:00 Uhr stand ich wieder hinter der Punta Indren (3260m) bereit zum Gipfelsturm. Sofort entschied ich, nicht
den schwachsinnigen langen Weg vorbei an der Rif. Mantova (3498m) zu nehmen, sondern direkt die Rif. Gnifetti (3647m)
über die steile Firnscharte anzusteuern. Ich staunte nicht schlecht, als Skifahrer die Scharte herunterfuhren. Bisher
hatte ich sie 2* mit Pickel und Steigeisen durchstiegen. Aber als die Schinderei die Scharte hinauf begann, wurde mir alles
klar. An Stelle hartgefrorenen Firns stapfte ich durch tiefen nassen Schnee hinauf. Ich brauchte nicht mal Steigeisen. In
glühender Hitze erreichte ich nach etwa 2 Stunden völlig fertig die Gnifetti-Hütte. Diese war sogar schon
bewirtschaftet (13/7,50/21,50 Euro für Übernachtung/Frühstück/Abendbrot). Da ich genug Lebensmittel
für eine ganze Kompanie bei hatte, beschränkte ich mich auf die Übernachtungskosten - dafür bekam ich
sogar ein eigenes 6-Mannzimmer. Das Ärgerlichste war, das ich schon wieder 2 Blasen an den Fersen bekam. Mir war sofort
klar, dass nach 4 Tagen Tour das Leiden groß werden würde.
Am Samstag, bei durchwachsenem Wetter, machte ich mich auf den Weg zur Signalkuppe (4556m), wo die Margeritha-Hütte
draufsteht. Alle anderen Osterausflügler waren in Begriff, wegen des durchwachsenen Wetters die Flucht ins Tal
anzutreten.
Den halben Weg hatte ich bereits über Neujahr ausgekundet und einige Spuren erleichterten außerdem die Wegsuche
(Weg ist natürlich pure Übertreibung). Vorbei an den Spalten oberhalb der Gnifetti-Hütte, die halb so schlimm
waren, wie immer behauptet, hinauf den Hang der Vincent Pyramide. Weiter oben sah es da schon ernster aus. Aber entlang der
Spuren schlängelte ich mich sicher durch die weiten Querspalten unterhalb des Balmenhorns. Ab und an bekam ich
Gegenverkehr. Und hier passierte es dann auch - mir brach die Steighilfe meiner linken Bindung weg. Zwar konnte ich weiter
normal laufen, bei Abfahrt konnte ich die Bindung jedoch nicht fixieren. Ich entschloss mich aber erst mal weiterzumachen,
da es eh nur aufwärts ging. Diesmal lies ich das Balmenhorn weit rechts liegen und machte einen großen Bogen erst
Richtung Lisjoch und dann weiter oben direkt Richtung Ludwigshöhe. Hier gab es keine Spalten mehr, nur noch
weitverschneite Gletscherhänge.
Als ich den Sattel unterhalb der Ludwigshöhe (4252m) der erste Schock. Durch den Nebel konnte ich ab und an die
Signalkuppe erahnen - verdammt, war die aber noch hoch. Und Spuren gab's nun auch nicht mehr. Um möglichst wenig
Höhe zu verlieren, querte ich den oberen Teil des Grenzgletschers hinüber zum Colle Gnifetti dicht unterhalb der
Parrotspitze. So kam ich erst gar nicht in die Nähe der Spalten des Grenzgletschers.
Inzwischen ließen langsam die Kräfte nach, tiefer Schnee, Nebel, Neuschnee und vor allem der schwere Rucksack
forderten mir so einiges ab. Um auch beim Anstieg zur Signalkuppe nicht zu große Umwege zu machen, versuchte ich
möglichst weit rechter Hand das Colle Gnifetti zu überqueren, musste aber letztendlich wegen großer
verwehter Spalten sicherheitshalber doch weit Richtung Zumsteinspitze hinüber. Vom Pass zwischen Zumsteinspitze und
Signalkuppe ging ich dann letztere direkt an. Doch erst mal wurden die Ski gegen Steigeisen und Pickel getauscht.
Erst sah es noch so aus, als ob einige Experten den Steilhang von der Hütte bis in den Sattel direkt mit Ski
herabgefahren sind. Doch als ich über den kleinen Bergschrund hinauf zur Hütte kletterte wurde es immer und immer
steiler. Verdammt, wie kommen denn hier nur einfache Wandersleute hinauf? Alle 15m krallte ich mich mit den vorderen Zacken
meiner Steigeisen und zusätzlich mit meiner Eisaxt fest und musste erst mal verschnaufen. Stück für
Stück kletterte ich die Hütte in direkter Route an. Ich glaub, gegen ein Seil von oben hätte ich keine
Einwände gehabt. Aber was tut man nicht alles, wenn man ein trockenes Plätzchen für die Nacht braucht.
Zack-Zack und endlich war ich oben. Die Eingangstür zum Winterraum war recht demoliert, den unteren Teil bekam ich gar
nicht auf und so musste ich mit Sack und Pack durch die obere Luke krabbeln.
Gut das ich 2 Liter Wasser mit hochgeschleppt habe, so brauchte ich nicht erst Schnee schmelzen und konnte gleich einen
großen Pott Tee kochen. Der Winterraum der Hütte ist luxuriös angelegt. Innentoilette (zwar ziemlich
verdreckt), kleine Küche mit großem Aufenthaltsraum (dort war's mir allerdings zu kalt) und ein geräumiger
Schlafraum in der 2. Etage mit 13 Schlafplätzen. Oben war's recht gemütlich. Es gab sogar ein Gas-Heizgerät,
welches aber den Raum kaum erwärmen konnte. In meinem XXL-Schlafsack konnte mir aber die Kälte nichts anhaben.
Am Sonntag wollte ich dann eigentlich Ostereier suchen, konnte sie aber im tiefen Schnee nicht finden und so machte ich den
lieben langen Tag niiiiiichts. Es schneite eh draußen. Endlich, abends klarte es etwas auf und es wurde mal kurz die
kleine Schweizer Toublerone sichtbar. Naja - es konnte nur besser werden.